Erleuchtet

 

 



Wenn wir den Philosophen Glauben schenken, fand die Menschheit schon vor 250 Jahren Erleuchtung. Nicht jedoch die Tretkurbel – der tappte erst mal im Dunkeln. Überall im Haus liegen zwar diese LED-Lämpchen herum, hyperperfekt gestylte Dinger vom Flohmarkt auf dem Amsterdamer Waterlooplein, doch wette ich zehn gegen eins, dass bei dem, das ich nehme, die Batterie schon fast leer ist. Und überhaupt: Diese Art der Beleuchtung nutzt vor allem, damit mich der Paketbote mit seiner Eillieferung von rechts sehen kann. Selber sehen ist damit fast unmöglich. Und außerhalb geschlossener Ortschaften nutzen diese Lämpchen nichts, da ist eine normale Beleuchtung nicht nur vorgeschrieben sondern auch empfehlenswert.

November und Dezember sind keine geeigneten Monate für Radfanatiker. Nicht nur wegen des meist schlechten Wetters – außer in diesem Jahr, da fiel der Sommer in den November –, sondern auch, weil man dauernd auf die Uhr achten muss, sonst ist man bei Einbruch der Dunkelheit noch auf einer Nebenstraße unterwegs. Umweltschützer bedauern, dass es in den Niederlanden nirgendwo mehr richtig dunkel wird, doch ich kenne mittlerweile ein paar Stellen ganz nahe bei der Stadt, für die das nicht gilt: Stockfinster wird es dort! Für die Tretkurbel ist das furchtbar. Dabei geht es nicht ums Gesehenwerden, nein, selber sehen können ist mindestens ebenso wichtig. Ein Schlagloch oder ein heruntergefallener Ast, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen, geben einen ganz anderen Schlag als etwas, auf das man noch reagieren kann. Die Tretkurbel ist nicht gestürzt, aber fragen Sie nicht, wie er das hingekriegt hat. Irgendwie hat er sich durchgekämpft, aber schnell ist anders. Notgedrungen achtete die Tretkurbel nun darauf, wieder vor dem Dunkelwerden nach Hause zu kommen. Das musste er als Kind schließlich auch. Und das klang auch so gemütlich: vor dem Dunkelwerden nach Hause.

Bis vor kurzem war eine feste Beleuchtung auch keine Option. Dynamos waren völlig unmöglich. Entweder sie griffen nicht, oder sie boten eben sie zu viel Widerstand, und bei einem ordentlichen Tempo brannten die Lämpchen innerhalb einer Woche durch. Aber dann kam Die Erleuchtung. Das Nabendynamo kam auf den Markt, und nach einigen Versuchen auch noch die SON-Nabe: Schmidts Original Nabendynamo. Ein Wunderwerk der Technik! Man merkt nicht, dass es mitläuft, und in Kombination mit der speziellen Edelux-Lampe mit Busch&Müller-Spiegeltechnik gibt sie bei jeder Geschwindigkeit ordentlich Licht. Und wenn ich ordentlich sage, dann meine ich auch ordentlich. Endlich sieht man etwas vor sich, auch noch ein paar Meter weiter – und nicht nur einen schwachen Lichtfleck, sondern ein gut ausgeleuchtetes Stück Straße. Und die Edelux ist auch noch ein Minimal-Design-Objekt auf der Gabelkrone. Sie verschönert wirklich jedes Fahrrad. Und voller Begeisterung kombinierte die Tretkurbel das Ganze auch gleich mit einem aufladbaren Akku von Biologic. Jetzt erzeugt er auf seinem Weg durch den Dschungel seinen eigenen Strom. Und mit dem dazu gehörenden iPhone-Halter auf dem Lenker wird das dauernde "Den-Weg-Verlieren" in der Großstadt auch bald der Vergangenheit angehören. Tretkurbel 2.0! Die nächsten Touren können kommen.

'Ach, mach' ruhig noch einen Kaffee, ich habe Licht am Fahrrad!'.

Ihre Tretkurbel

 

Januari 2012

________________________________________________________________________

 

 

Ein Riemen?!

"Was haben Sie denn da?"

Ich stehe vor einer Ampel an der Bundesstraße bei O. und will gerade die Straße überqueren. Neben mir ein Mann mit einem etwas heruntergekommenen Tourenrad und entsprechendem Ortlieb-Gepäckträger. Er schaut mit einem überraschten Blick schräg nach unten, genau an die Stelle, an der er eigentlich eine Kette mit einem Schaltwerk erwartet hatte. Die letzten fünf Kilometer mit Gegenwind auf dem Deich ist er in meinem Windschatten gefahren. Ohne den leisesten Versuch, auch mal zu übernehmen! Normalerweise setzte ich dann aus lauter Unwillen zu einem Spurt, indem ich an der Rohloff drehe, um den Verfolger loszuwerden. Entweder übernehmen oder zurückbleiben, so lautet die Regel. Doch ich war gerade milde gestimmt. Zu guter Letzt bin auch ich manchmal ziemlich ausgelaugt und dankbar, wenn ein unerschütterlicher Vordermann die Führung übernimmt.

Ich brauchte nur ein halbes Wort.

"Eine Rohloff mit Riemen. Vierzehn Gänge in die Nabe eingebaut, in kleine Stufen unterteilt, das heißt zwei Zähne pro Klick. Statt einer Kette ein geschmeidiger und dennoch zugleich bärenstarker Riemen aus Karbon. Kein Ausspülen oder Geschmiere mit Schmieröl mehr und dennoch jede Menge Gänge, staub- und wasserdicht verschlossen. Nie wieder Knirschen oder Rasseln, wenn ein flacher, gewundener Weg nach einer Kurve plötzlich mit einer Steigung von 12% nach oben führt. Und immer eine gerade Kettenlinie. Da muss man mit einem Schaltwerk erst einmal drauf kommen. Für mich gibt es nichts anderes mehr. Radfahren im Sommer und im Winter, fast ohne Wartung." Mit diesen Worten beendete ich mein Plädoyer. Den Text kenne ich inzwischen auswendig. Wie oft werde ich von Vielfahrern nach meinem spektakulären gelben Monster gefragt. Ende September hat Santos meinen Travelmaster mit einem Riemenantrieb nachgerüstet. Die Rohloff saß bereits einige Jahre darauf und verschleißt ohnehin nicht. Im Gegenteil, sie wird nur noch besser. Doch die Kombination mit der Kette gefiel mir gar nicht. Falsche Wahl bei der Anschaffung. Nicht genügend Mut gezeigt, der Menge gefolgt. Guter Rat schien teuer, bis ich von Santos hörte, dass das Rad zu einem zu verschmerzenden Betrag mit einem Riemen nachgerüstet werden kann. Jetzt hatte ich den Mut, zuzugreifen. Und so fährt die Tretkurbel seit Ende September mit Rohloff und Riemenantrieb.

Und? Nach 1000 km bin ich überzeugt! Das Rad fährt wie der Blitz. Die 40, 60 und 80 Kilometer langen Strecken, die ich regelmäßig fahre, lege ich nach wie vor mit schnellen Zeiten zurück. Manchmal bin ich jetzt sogar besonders schnell unterwegs. Was man auch macht, das Getriebe ist immer völlig lautlos. Putzen nach einem Schlammbad? Drei Minuten mit dem Gartenschlauch. Erst jetzt fällt mir auf, wie viele schmirgelnde-schiefe-kraftraubende Ketten sich bei Schaltwerk-Radfahrern um die Achse drehen. Um von dem Sand, Fett- und Schmutzmagneten selbst noch zu schweigen. Nein, ich bin jetzt völlig überzeugt.

Vorläufig werde ich ihnen wohl noch regelmäßig begegnen, diesen überraschten Blicken. Die Welt der Radfahrer ist traditionell sehr verhaftet. Einmal eine Kette ist immer eine Kette. Viele begreifen noch nicht, dass dies vielleicht die größte Innovation in der jahrelangen Entwicklung ist, die die Räder durchgemacht haben. Einst standen die Buchstaben RR für ein britisches Auto, das die Reputation hatte, ein Leben lang ohne auch nur eine Reparatur zu fahren. Das ist schon lange nicht mehr so. Die beiden Buchstaben sind heute jedoch wieder ganz oben. Wenn auch auf einem Fahrrad. Die Tretkurbel fährt einen Santos Travelmaster RR: Rohloff & Riemen.

Ihre Tretkurbel

 

december 2011

________________________________________________________________________

 

 

Vorfreude!

 

Vorfreude

Träumen von einem neuen Rad. Zunächst schaut man sich die verschiedenen Marken an, geht ins Internet, sieht sich in Geschäften um, erkundigt sich bei Freunden und linst in die Geldbörse. Wer im Frühling auf einem neuen Traumrad sitzen möchte, muss sich jetzt schon an die Arbeit machen. Eine Arbeit, die sich lohnt! Es gibt Leute, die auf der Suche nach einem Rad in ein Geschäft gehen, auf ein Fahrrad zeigen und kurz darauf mit ihrem neuen Besitz das Geschäft wieder verlassen. Diese Leute haben keine Ahnung. Wahrscheinlich gehören sie zu jenen, die allenfalls mit dem Rad zum Briefkasten fahren. Oder am Sonntagnachmittag eine Runde durch das Dorf drehen, wie wirkungsvoll. Ein echter Tourenfahrer geht die Sache anders an.

Vor drei Jahren erlaubte ich mir selbst ein neues Rad. Mein altes, ruppiges Tourenrad war völlig verschlissen. Durchgeschliffene Außenkabel, Zahnräder mit Karies, eine verbogene Bremsscheibe, eine Beule im Gepäckträger ... Es war ein Moment des Zweifels: Ich könnte das Rad gründlich überholen lassen - oder sollte ich mir doch lieber ein neues zulegen? Bis dahin ging mein Tourenrad - mit Ausnahme eines schönen Herbsttages - Ende Oktober wie in jedem Jahr in den Winterschlaf. Im Winter muss man das Rad länger putzen, als man darauf fahren kann, wenn man einmal davon absieht, was der Winter dem Schaltwerk, den Zahnrädern und der Kette so alles antut. Mein neues Rad sollte ein Sommer- und Winterrad zugleich werden. Ich wollte zwölf Monate Freude an meinem neuen Rad haben.

Das ist der Moment, in dem es beginnt. So ein Fahrrad kauft man nicht einfach zwischendurch. Und die Vorfreude sollte man auch nicht vergessen! Lauter Argumente gegen einen spontanen Ankauf. So etwas muss man in allen Zügen genießen. Eine Schachtel edler Pralinen steckt man schließlich auch nicht einfach hintereinander in den Mund. Es warteten nun wichtige Entscheidungen auf mich.

Was wollte ich mit dem Fahrrad eigentlich machen? Wo wollte ich hinfahren? Zwei Wochen glatter Asphalt oder dicker Matsch und Wüstenstaub? Wollte ich in Europa bleiben oder Südamerika auf meine Wunschliste setzen? Fahre ich lieber auf einem leicht zu steuernden Rad oder sollte es ein aktiver Rahmen werden? Stahl oder Aluminium? Mit 26-, 28- oder 29-Zoll-Rädern? Schaltwerk oder Rohloff? Und wenn es eine Rohloff wird: mit einer herkömmlichen Kette oder – eine Wahl, die eine Portion Mut erfordert – mit einem Riemen? Mit Bremsklötzen? Scheibenbremsen? Oder einer Bremse von Magura? Und der Gepäckträger – Stahl oder Aluminiums? Warum keine gefederte Vorderradgabel? Der Sattel lieber etwas härter oder eher weich? Ein gerader Lenker oder ein halber Schmetterling? Nabendynamo oder LED-Beleuchtung mit Batteriebetrieb? Und nicht zuletzt die Farbe. Lauter Entscheidungen, die jedoch keineswegs lästig sind – im Gegenteil, sie machen Spaß. Ein neues Rad kaufen, das ist wie ein Fest der Träume, des Denkens und der Entscheidung.

Drei Monate Vorfreude hatte ich in diesem Winter, mit Lesen, Informieren und Anschauen. Ich fuhr auf meinem alten Drahtesel durch nassen Schnee und Streusalz und belohnte mich Anfang März mit einem ausgedehnten Besuch beim Fachhändler. Dort haben wir schließlich gemeinsam meinen neuen Santos Travelmaster Alu 2.8 mit Rohloff zusammengestellt. Gut einen Monat später konnte die Party dann endlich losgehen. Das Fahrrad selbst ist einfach fantastisch. Es gibt nichts, was man daran aussetzen könnte. Das Rad fährt wie die Eisenbahn. Und dennoch habe ich auch eine falsche Entscheidung getroffen. Es ist meine eigene Schuld. Ich hatte mich beim Kauf für eine Kette entschieden, fing jedoch an, diese Entscheidung zu bereuen. Inzwischen fahre ich mit einem Riemen. Wer es genau wissen möchte, sollte drei Tretkurbel-Berichte zurückblättern.

 

Nutzen Sie den langen Winter!

Ihre Tretkurbel

 

November 2011

_________________________________________________________________________

 

 

Ein Schmuckstück!

 

Haben Sie schon einmal einen erwachsenen Mann sichtbar entzückt mit zwei Fingern über den Lack eines Fahrradrahmens streichen sehen? Auf der Fahrradmesse in Utrecht ist es möglich.

"Klasse, nicht wahr," sage ich zu dem Mann, der sich vor dem Rad hingehockt hat. Er nickt mit gespitzten Lippen, spricht kein Wort. Von meinem Augenwinkel aus sehe ich, wie ein Verkäufer wie zufällig herbeischlendert. "Und was kostet das so?" fragt der Mann. Es klinkt achtlos, doch in seinen Augen funkelt die Begierde. "Das hängt stark von der jeweiligen Fertigstellung ab ..." Gemeinsam gehen sie zum Verkaufstresen mit Broschüren und Bauteilen.

Und ich dachte noch, es wäre nicht so viel los. Wie ich darauf komme? Nun, die Herbstferien haben gerade erst angefangen und draußen ist herrliches Wetter. Ein typischer Tag, um noch einmal eine richtig schöne Radtour zu unternehmen, bevor der Herbst endgültig zuschlägt. Das wäre tausend Mal besser, als hier in den Messehallen der Jaarbeurs in Utrecht herumzuhängen. Ein Dilemma, wie man es auch von Sonntagnachmittagen im Frühling kennt: Soll man einen Klassiker gucken oder selbst eine Tour unternehmen? Ich entschied mich an jenem Sonntag für die Messehallen in Utrecht, wo die "Bike Motion" stattfand. Schließlich hatte ich Robbert versprochen, an seinem Santos-Stand vorbeizukommen. Und was man verspricht, das muss man auch einhalten ...

Ich habe es übrigens keinen Moment lang bereut. In den Messehallen war auch jede Menge los. Auf eine gemütliche Art und Weise, kein lästiges Schieben von Stand zu Stand. Überall stand jemand, mit dem man ein paar Worte wechseln konnte. Plaudern über das gemeinsame Hobby. So eine Art Brigitte-Tag, nur eben für Männer. Und überall gab es etwas zu sehen! Santos hatte völlig unerwartet den R3-Racer mit Rohloff und Riemen mitgenommen, das Modell mit dem Shifter oben auf der Rundung des Lenkers anstatt darunter. Was das für einen Unterschied macht? Den Berg fährt man mit beiden Händen am Lenker hinauf. Um den sprichwörtlichen Rohloff-Zahn zulegen oder auch hinunterschalten zu können, braucht man jetzt nicht mehr mit den Händen nach unten in die Bügel greifen. Eine Kleinigkeit? Fragen Sie einmal die Techniker von Santos, wie sehr sie sich den Kopf darüber zerbrochen haben, zum Beispiel über die Durchführung des Bremskabels. Ein tolles Gerät und gerade erst in trockenen Tüchern. Beeindruckend ist auch das neue Modell Travel Lite.

Ich komme ins Gespräch mit einem Interessenten, der über ein neues Rad für die tägliche Fahrt zur Arbeit nachdenkt. Dreißig Kilometer sind es hin und zurück. Das Rad sollte außerdem für einen Fahrradurlaub mit Hotelübernachtung geeignet sein. Es ist schon eine tolle Sache, wenn man sich mit wildfremden Menschen mehr als eine halbe Stunde über das gleiche Interesse, über Touren mit dem Rad, die Vor- und Nachteile eines Schaltwerks im Vergleich zur Rohloff-Schaltung und das Für und Wider einer Kette gegenüber dem Riemenantrieb unterhalten kann. Auf mein: "Nie wieder so eine kraftraubende, schräg liegende Kette" war er noch nicht gekommen. Bis zum Messestand von Santos hatte er auch noch nie an seinem herkömmlichen Schaltwerk gezweifelt. Jetzt war er dabei, die Sache noch einmal in aller Ruhe zu überdenken.

Ich habe den Nachmittag in den Messehallen der Jaarbeurs nicht bereut. Es war ein toller Nachmittag. Nächstes Jahr nehme ich meine Radfreunde mit. Einkaufen bis zum Umfallen. Es fehlt nicht viel, und ich kann Verständnis für die Damen aufbringen, die sich jedes Jahr einen ganzen Tag lang auf der Haushaltsmesse vergnügen.

Zu Hause glücklich wieder angekommen, kann ich gerade noch das Finale des Giro di Lombardia live mitverfolgen.

Ihre Tretkurbel

 

Oktober 2011

 

_________________________________________________________________________